DIE ZEIT: Reichtum – Hütchenspiele der Geldelite

[04.01.2018] DIE ZEIT, Nr. 01, 20.12.2017
Reichtum – Hütchenspiele der Geldelite
Unter Donald Trump werden Amerikas Reiche noch reicher. Warum werden einige Vermögende in New York dennoch gerade ein bisschen nervös?
Von Heike Buchter

Link  http://www.zeit.de/2018/01/reichtum-vermoegen-usa-donald-trump-krise

„… Wie durch Vermögen mehr Vermögen geschaffen wird, lässt sich eindrucksvoll am Rückkauf von Aktien beobachten, den viele Konzerne betreiben. Dabei kaufen Unternehmen an der Börse ihre eigenen Aktien zurück. Durch die steigende Nachfrage und die Verknappung des Angebots steigt der Preis. Das ist gut für die Aktionäre – ihre Papiere sind nun mehr wert. Dabei könnten die Unternehmen mit dem Geld auch anderes tun: Sie könnten die Löhne erhöhen, in Fabriken oder neue Produkte investieren. Doch die Manager entscheiden sich sehr häufig dafür, das Geld den Aktionären zugutekommen zu lassen. Das fällt ihnen oftmals nicht schwer, weil sie selbst in der Regel mit Aktienpaketen belohnt werden. Die Dimensionen sind gewaltig: Seit 2008 haben US-Unternehmen für vier Billionen Dollar eigene Anteile aufgekauft. Allein im Jahr 2015 gaben sie für Aktienrückkäufe 561 Milliarden Dollar aus – das waren 100 Milliarden Dollar mehr, als sie im gleichen Zeitraum in Forschung und Entwicklung investierten.
Nicht selten gehen die Aktienrückkäufe mit Stellenabbau einher. Wie etwa beim Computer- und Druckerhersteller Hewlett Packard, der 2015 in derselben Pressemitteilung ankündigte, 30.000 Jobs zu streichen und eigene Aktien für 700 Millionen Dollar zurückzukaufen.
Großanleger drängen die Finanzchefs außerdem, zusätzliches Kapital zu leihen, um die historisch niedrigen Zinsen zu nutzen. Diese niedrigen Zinsen sind eine Langzeitfolge der jüngsten Finanzkrise. Um eine wirtschaftliche Depression zu vermeiden und Unternehmen zu Investitionen zu animieren, senkten die Notenbanken die Leitzinsen drastisch. Während die Zinsen auf niedrigem Niveau verharrten, blieb die Erholung dennoch lange aus. Bis heute stagnieren Löhne und Gehälter.

Wer profitiert, sind die Anleger. Viele Unternehmen finanzieren ihre Aktienrückkaufprogramme mit dem billigen Geld auf Pump. Das heißt, sie verschulden sich, um die Schulden in Gewinne für ihre Aktionäre zu verwandeln. Seit 2010 haben allein US-Unternehmen knapp acht Billionen Dollar Schulden aufgenommen. Den Internationalen Währungsfonds veranlasste das im Frühjahr dazu, vor einer Konkurswelle zu warnen für den Fall, dass die Zinsen deutlich steigen. Zwar würden bei einer Pleitewelle auch die Investoren verlieren. Vor allem aber würde sie die Arbeitsplätze von Normalverdienern vernichten. …

Der Investor Nick Hanauer schreibt im Magazin The Atlantic, Aktienrückkäufe könnten die US-Wirtschaft ruinieren. … Doch durch Aktienrückkäufe entzögen sie dem Unternehmen stattdessen finanzielle Mittel. Gleichzeitig fehlten Jobs für eine breite Mittelschicht, mit verheerenden sozialen und politischen Folgen, fürchtet Hanauer. Er warnt seine Milliardärskollegen: „Man wird uns mit Mistgabeln jagen.“

Selbst auf der Wall Street wird die Gruppe jener, die Milliardengewinne einstreicht, kleiner und umso wohlhabender. Veteranen wie der Parketthändler Valdes erinnern sich noch an die Zeit vor der Finanzkrise, als in den Monaten vor der Jahreswende die legendären holiday parties gefeiert wurden, bei denen Grey-Goose-Wodka wie Wasser floss, Sambatänzerinnen eingeflogen wurden und Kellnerinnen beim Steakhaus Delmonico’s en passant einen Tausender als Trinkgeld zugesteckt bekamen. Heute dagegen gibt es statt Champagner abends eine Runde Coors Light. „Es ist ja kaum noch einer da zum Jubeln“, klagt der Börsenhändler.
Als er anfing, drängten sich 12.000 Händler, Banker, Aufseher und Laufburschen auf dem New Yorker Parkett. Heute ist noch ein Handelsraum übrig, in dem sich die verbliebenen 400 Börsianer verlieren. Die Automatisierung hat die Finanzbranche in den USA mit Macht erfasst. Seit der Krise 2008 wurden dort mehr als 500.000 Stellen gestrichen. Früher profitierte auch die Mannschaft in den unteren Etagen der Investmenthäuser von den Gewinnen. Doch dank Computern und cleverer Algorithmen bleibt weniger hängen. Auch an der Wall Street gilt im Wettbewerb zwischen Kapital und Arbeit: Wer für sein Einkommen arbeiten muss, verliert. …“

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