DIE ZEIT: Naher Osten – Zuversicht, trotz allem

[04.01.2018] DIE ZEIT, Nr. 01, 20.12.2017
Naher Osten – Zuversicht, trotz allem
Jugendliche in arabischen Ländern sind religiös, misstrauen der Politik – und glauben fest, dass sie eine gute Zukunft haben werden.
Von Arnfrid Schenk

Link  http://www.zeit.de/2018/01/naher-osten-friedrich-ebert-stiftung-studie-jugendliche-zukunft

„… Länderübergreifend gilt: Größer als das Vertrauen in politische Institutionen ist das in die Familie. Sie ist für die Mehrheit der einzige Ort, der Sicherheit bietet.

Ganz oben auf der Werteskala aber, auf Platz eins, steht der Glaube an Gott. Die Jugendlichen bezeichnen sich dabei als religiöser als vor fünf Jahren. Die Autoren der Studie interpretieren die zunehmende Religiosität als Ersatz für mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten. Bildung wurde in Nahost zu einem leeren Versprechen. Die Bevölkerung wächst um ein Vielfaches schneller als der Arbeitsmarkt. Obwohl besser ausgebildet als ihre Eltern, haben sich die Jobaussichten der Jugendlichen verschlechtert. Religion gibt Sicherheit und stiftet Hoffnung angesichts düsterer wirtschaftlicher Aussichten. Denn tatsächlich zeigt die Studie, dass die Befragten umso optimistischer in die Zukunft blicken, je religiöser sie sind.
… Damit widerlegen die Umfrageergebnisse eine gängige These, die da lautet: „Je ärmer, desto religiöser“. Im Gegenteil kommen nämlich diejenigen, die sich als sehr religiös einstufen, häufig aus einem finanziell abgesicherten Elternhaus und haben Väter mit einem hohen Bildungsabschluss.

Eine Stärkung des politischen Islamismus geht mit der zunehmenden Frömmigkeit nicht einher. Die junge Generation sieht Religion als reine Privatangelegenheit und misst ihr keine politische Rolle zu. Nur elf Prozent wünschen sich ein politisches System, das auf der Scharia fußt. Rachid Ouaissa, Professor am Centrum für Nah- und Mitteloststudien an der Uni Marburg und Autor des Kapitels über Religion, zieht daraus den Schluss: „Vielleicht erleben wir gerade den Beginn eines laizistischen Zeitalters in der arabischen Welt.“ Vielleicht ist das ein verwegener Gedanke. Aber er macht Hoffnung.

Übrigens: An zweiter Stelle der Werteskala steht der Wunsch nach einem Leben ohne Gewalt und nach ökonomischer Sicherheit. Und das ist, um noch einmal die Shell-Studie heranzuziehen, dann doch wieder sehr nah an den Wünschen der Jugendlichen in Deutschland.“

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