DIE ZEIT: Studenten – Übernehmen Sie Verantwortung!

[11.02.2018] DIE ZEIT, Nr. 07, 08.02.2018
Studenten – Übernehmen Sie Verantwortung!
Ein Plädoyer für mehr Mut der Studierenden in stürmischen Zeiten
Von Von Giovanni di Lorenzo

Link  http://www.zeit.de/2018/07/studenten-leben-verantwortung-universitaet-idealismus/komplettansicht

[„Sind Sie Elite?“, diese Frage stellte der Chefredakteur der ZEIT, Giovanni di Lorenzo, Studenten und Absolventen der Universität Bayreuth. Di Lorenzo war im November 2017 Festredner beim Dies academicus der Universität. …]

„… Die Elite, das sind also die „Ausgelesenen“, „Ausgewählten“. Doch statt es mit einer besonderen Qualifikation zu assoziieren, wird das Wort meist nur noch abschätzig verwendet. …

Peter Bieri, lange Zeit Professor für Analytische Philosophie an der Freien Universität Berlin und erfolgreicher Romanautor unter dem Pseudonym Pascal Mercier, war bei seinen Studierenden sehr beliebt, denn er diskutierte mit ihnen auf Augenhöhe. Doch das zählte nicht. „Es geht nur noch um Geld und ‚Corporate Identity'“, klagte Bieri, „diese Mentalität macht die Universität kaputt.“ …

Darüber regt sich auch eine auf, die beinahe ganz oben an der Spitze dieses Staates steht: Angela Merkel. Sie war in der Talkshow von Anne Will zu Gast und sagte dort einen auf genuine Weise verschachtelten und für Kanzlerin-Verhältnisse recht emotionalen Satz, von dem ich fürchte, dass sie ihn so nicht wiederholen wird: „Aber dass nur die, die Nein sagen und die kritisieren, jetzt plötzlich das Volk sind und alle anderen, die jeden Tag zur Arbeit gehen und Probleme lösen und sich versuchen einzubringen und nicht ganz so viel kritisieren – oder kritisieren und Lösungen anbieten –, dass die plötzlich nicht mehr das Volk sind und dass irgendwo dazwischen die Elite beginnt, das kann ich, will ich für mich nicht annehmen.“

Korrektes Deutsch, verschachtelt, aber zutreffend. Und ich finde, sie hat recht. Auch mir hängt das ständige Motzen und Nörgeln zum Hals heraus – nie kommt dabei ein konstruktiver Gedanke heraus! …

Zum Schluss möchte ich noch auf eine Frage verweisen, die von einem Menschen stammt, dessen Stimme sehr fehlt: Roger Willemsen. Im Sommer 2015 arbeitete er an einem neuen Buch. Als er von seiner Krebserkrankung erfuhr, legte er die Arbeit daran für immer nieder. Uns bleiben nur die Kerngedanken aus diesem unvollendeten Werk.

Roger rät darin, unser Handeln nicht so sehr aus der Historie heraus erklären zu wollen. Auch die Überlegung, wie wir wohl künftig leben werden, sei nicht wesentlich. Stattdessen fordert er jeden Einzelnen dazu auf, aus der Zukunft heraus unsere Gegenwart zu betrachten. Die Frage, die wir uns stellen sollen, lautet: Wer werden wir gewesen sein? Gemeint ist damit, dass wir uns aus den Augen derer betrachten, die nach uns kommen: Wie werden die Menschen der Zukunft über uns urteilen?

Die Antwort liegt in der Hand jedes und jeder Einzelnen. Ja, es gibt Schwieriges und Beängstigendes. Aber Sie haben fantastische Chancen auf ein spannendes und erfülltes Leben, noch nie waren Grenzen jeder Art so leicht zu überwinden wie heute. Und darf ich Ihnen, als ehemaliger schlechter Schüler, noch einen Rat mitgeben? Nehmen Sie sich die Zeit, auch mal einen Umweg zu gehen! Finden Sie heraus, was gut für Sie ist – und vor allem: was Sie nicht können. Nur durch Fehler und Niederlagen entsteht Stärke und erwächst Persönlichkeit.

Vor allem möchte ich Ihnen damit sagen: Freuen Sie sich, dass Sie studieren, sich bilden können, die beste Zeit Ihres Lebens vor sich haben. Ich hoffe, dass Sie mit immer bleibendem Staunen auf diese Welt blicken werden, die vielleicht nicht gerade überall auf Sie gewartet hat, die Sie aber dringend braucht.“

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